Rostock's Eleven 2017

Datum

7. Juni 2017
9. Juni 2017

Neue Laser-Methode verbessert Fernerkundung des Meeresgrundes oder „Wie klingt ein Wurm?“

Der Rostocker Preis für Nachwuchswissenschaftler „Rostock’s Eleven“ ging in diesem Jahr an einen Wissenschaftler des Leibniz-Institutes für Ostseeforschung Warnemünde (IOW). Der 29-jährige Geophysiker Mischa Schönke stellte in seinem Vortrag eine neue Methode zur Kartierung des Meeresbodens vor.

Seit jeher spielen Küstengebiete für Menschen eine wichtige Rolle. Neben ihrer Bedeutung für Erholung und Fischerei verbessern Küstenökosysteme außerdem kostenlos Luft- und Wasserqualität. Umso erstaunlicher ist, dass über diese Meereslebensräume direkt vor unserer Haustür bisher nur wenig bekannt ist.

Einer der Gründe: Bislang ist die Kartierung von küstennahem Meeresboden schwierig – aufgrund der dort herrschenden dynamischen Verhältnisse, großen Beprobungsaufwandes und des mangelnden Verständnisses, wie man biologische und geologische Oberflächen akustisch unterscheiden kann. Hier setzt IOW-Doktorand Mischa Schönke an: Um die akustisch gestützte Habitat-Kartierung des Meeresgrundes zu verbessern, entwickelt er ein neues, nicht-invasives Verfahren, das modernste Unterwasser-Laser-Scan-Technik mit akustischen Systemen kombiniert. Die Methode erlaubt es, Lebensräume und damit auch Tiere anhand akustischer Signale zu identifizieren.

Als Testkandidaten wählte Schönke den Bäumchenröhrenwurm. Dies führte auch zum originellen Titel des Vortrages: Wie klingt ein Wurm? Der in Nord- und Ostsee beheimatete Bäumchenröhrenwurm kann ganze Riffe bilden, indem er Sedimente zu bäumchenartigen Gebilden verklebt. Diese Wurmgebilde verkörpern bestens den engen Zusammenhang zwischen geologischen und biologischen Oberflächen am Meeresgrund. In seinem Vortrag stellte Schönke anschaulich dar, welche Rolle der Wurm bei der Kartierung des Meeresbodens spielt.

Mischa Schönke gelang es zu vermitteln, welchen Wert seine Forschung bei der Erkundung des Meeresbodens hat. Das brandaktuelle Thema und die originelle Umsetzung überzeugt die fachkundige Jury aus Wissenschaftsjournalisten. Die Jurymitglieder Heike Boldt-Schüler und Volker Heitkamp überreichten gemeinsam den mit 365 Euro dotierten Preis.

Bereits zum neunten Mal veranstaltete der Verein [Rostock denkt 365°] den Nachwuchswissenschaftlerwettbewerb „Rostock’s Eleven“. Nicht elf, sondern zwölf junge Wissenschaftler aus der Forschungsregion Rostock hatten sich in diesem Jahr mit ihren Vorträgen dem Urteil von Journalisten aus dem gesamten Bundesgebiet gestellt. Siegchancen hatte, wer sein Forschungsthema am überzeugendsten darstellen und den Nutzen seiner Arbeit leicht verständlich deutlich machen konnte.

Kontakt:
Fragen zur Forschung von Mischa Schönke beantwortet Dr. Kristin Beck Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW): kristin.beck@io-warnemuende.de.
Für Fragen zum Wettbewerb bitte an den Verein Rostock denkt 365° e.V. wenden: denken@rostock365.de.

Foto: Annemarie Schütz
Zu sehen sind (von links nach rechts): Heike Boldt-Schüler, Rostock's Eleven Gewinner Mischa Schönke, Volker Heitkamp


Rede der Jury im Wettbewerb „Rostock's Eleven“ am 9.6.2017

von Heike Boldt-Schüler

Liebe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, liebes Organisationsteam, liebe Anwesende!
Mein Name ist Heike Boldt-Schüler, ich begrüße Sie im Namen aller 11 Jury-Mitglieder. Ich habe in Leipzig Journalistik studiert, und einer der ersten Lehrsätze meines Journalistik-Professors war:

„Journalisten haben ein Wissen wie ein Meer, allerdings ist das nur 10 Zentimeter tief. Der Rest ist Recherche.“

Und was mache ich, wenn ich ein wissenschaftliches Thema recherchiere? Ich rufe Sie an. Sie sind die Experten. Es ist wunderbar, dass Sie auf ganz unterschiedliche Fragen  Antworten suchen und ich Sie als Journalistin dann dazu befragen kann.

So ähnlich machen das auch meine 10 Jury-Kollegen, die aus Rostock, Hamburg, Köln,  Deinste und Berlin hergekommen sind, um Ihnen etwas mit auf den Weg zu geben. Wir machen das freiwillig, unentgeltlich und mit großer Neugier. Wir Medienmacher schätzen die Experten. Sie helfen uns, Geschichten zu erzählen. Und wir freuen uns umso mehr, wenn Sie ihre oft komplexen und komplizierten Themen unterhaltsam und leicht verständlich rüberbringen können. Oft genug agieren wir Journalisten gerade bei Wissenschaftlern regelrecht als Dolmetscher und versuchen, Wissenschaft und ihre Ergebnisse verdaulich für Leser, Hörer oder Zuschauer aufzubereiten.

Der Satz vom meergroßen Wissen und der Recherche begleitet mich seit einem Viertel Jahrhundert. Ich arbeite mittlerweile seit 18 Jahren als Fernseh-Reporterin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg und habe selten mehr als 3 Minuten Sendezeit. Es muss also auch noch kurz und auf den Punkt sein, wenn ich über Sie berichte. Vielleicht meinen einige von Ihnen auch, dann sei die Forschung eben nichts für die Medien. In der Tat gilt in Deutschland nicht das erbarmungslose:

„Publish or perish“ – „Veröffentliche oder geh unter“.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat 1998 Forscher und Institutionen ausdrücklich aufgefordert, „Originalität und Qualität stets Vorrang vor Quantität“ zuzumessen. Trotzdem behaupte ich: Sie brauchen die Öffentlichkeit. Denn Sie forschen mit Hilfe von Steuergeldern. Das soll so sein, damit Forschung weitgehend unabhängig von kommerziellen Interessen möglich ist. Doch die, die Steuern zahlen, sollen und wollen auch erfahren, was dabei herauskommt. Das sind dann die Leser, Radiohörer, Fernsehzuschauer oder Internetnutzer. Und schließlich forschen sie ja auch, um die Welt ein Stück besser zu machen. Warum dann nicht darüber reden?

Also, ich freue mich über Ihr Expertenwissen und Sie hoffentlich über die Öffentlichkeit, die wir als Journalisten herstellen können. So verstehe ich den Wettbewerb von „Rostock denkt 365°“. Gestern beim Abendessen im urig-schönen Restaurant „Zwanzig 12“ fragten sich Kandidaten, was ihnen der Wettbewerb eigentlich bringen soll? Ich glaube, er ist die Chance, damit wir uns besser verstehen: die Wissenschaftler und die Journalisten.

Wir elf Jury-Mitglieder hatten gestern die Ehre, 12 ganz unterschiedliche wissenschaftliche Vorträge zu hören. Ihre Forschungen. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch an die Organisatoren dieses ungewöhnlichen Wettbewerbs. Sie schreiben uns Journalistinnen und Journalisten dabei eine wichtige Rolle zu, die der Jury. Wir dürfen beurteilen, welcher Vortrag auszeichnungswürdig ist. Aber wie sollten wir das bestimmen?

Wir legten Kriterien fest, die unseren Bedürfnissen am nächsten kommen: Unter anderem schauten wir darauf, wie der Vortrag begann. Hat er unsere Aufmerksamkeit gepackt? Wie war er aufgebaut? Konnten wir folgen? Konnten wir, die Ersthörer, die Materie verstehen? Gab es Bezug zu lebensnaher Praxis? War das wirklich neu, was uns präsentiert wurde? Und wie war die Vorstellung allgemein - Auftreten, Kleidung, Blickkontakt, Sicherheit?

Und was haben wir alles Interessantes erfahren?

Judith Henf berichtete über die Mühen um eine Früherkennung von Demenz, mit einem anschaulichen Einstieg und Ausstieg mit Fisch Dorie. Wir folgten Peter Gros beim Aufspüren von Glyphosat im Boden und in unserer Ostsee und erfuhren, dass Dreiviertel von uns das Zeug schon im Körper haben. Beängstigend. Wir ließen unser Smartphone liegen, als Stephan Oliver Görland mit seinem Smartphone präsentierte, wie wir mit dem Smartphone Wartezeiten überbrücken. Und wir fragten uns, hat er die Frau im Flugzeug schließlich gekriegt? Wir stiegen ins Reich der Informatik ein, um mit Maria Pierce Computermodelle für den Dorschbestand zu bauen. Jakob Zabel zeigte uns, wie er aus Wasserproben Daten für den genetischen Fingerabdruck ableiten will. Martha Höhne brach eine Lanze für die Chemie und erklärte die Bedeutung von Katalysatoren. Hängenbleibt bestimmt, dass auch Parship ein Katalysator ist. Marcus Ebeling traute sich noch, mit echtem Papier zu präsentieren. Erfrischend. Und so lebendig hat wohl noch keiner über Sterblichkeit gesprochen. Wie man den Meeresboden mit einem innovativen Verfahren scannt und Würmer zum Klingen bringt, erklärte uns Mischa Schönke. Fürs Klima fror Timo Viehl drei Sommer lang in der Antarktis und brachte uns ungeahntes Wissen über Temperatursprünge mit. Marinus Ruesink zeigte uns, dass Musik nicht nur Töne sind und analysierte Beethovens Egmont-Ouvertüre. Manuela Reichelt beschrieb, wie sie Erblichkeit mit Hilfe von Mathematik messen will und brachte als einzige etwas zum Herumreichen mit. Wie hieß das? Ein „Snipchip“? Und mit Thomas Nehls erweiterte sich unser Wortschatz um den Fachbegriff Aluminiumquetschniete. Das werden wir so schnell nicht vergessen. Und Flugzeuge werden mit seiner Hilfe nun wohl bald schneller gebaut.

Jeder von Ihnen versuchte, uns Laien die Materie klar verständlich zu machen und unser Wissen, so groß wie ein 10 Zentimeter tiefes Meer, um mehr Tiefe zu erweitern. Vielen Dank gleichzeitig für jede Originalität. Trotzdem: Seien sie noch mutiger! Erzählen Sie uns eine Geschichte! Zeigen Sie mehr Bilder! Zeigen Sie weniger Schrift, es sei denn, sie wollen sie wortwörtlich vorlesen. Denn bei Schrift liest man mit und hört Ihnen nicht mehr zu. Zeigen sie mehr kurze Filme! Nehmen Sie ihr Publikum mit! Achten Sie darauf, was Sie anziehen! 80 Prozent sind Optik und bestimmen den ersten Eindruck. Ihren Vorträgen war anzumerken, dass jeder von Ihnen viel Arbeit hineinsteckt hat und doch: Es kann nur einen geben.
Es war ein enges Rennen. Es wurde eine Mehrheitsentscheidung – Demokratie eben.

Begründung der Jury

Schon der Titel erfreut das Journalistenherz: „Wie klingt ein Wurm?“ – Eine echte Eye-Catcher-Schlagzeile, die sich auch für Radio und Film eignet. Es lohnt sich, über einen griffigen Titel nachzudenken. Für den Vortrag verschanzte sich Mischa Schönke nicht hinter dem Pult, sondern wählte von allen Vortragenden die offenste Position im Raum. Er präsentierte eine Unterwasser-Laser-Scan-Technik, die offenbar brandaktuell ist. Das macht die Forschung für eine Berichterstattung besonders reizvoll. Er machte klar, welchen wissenschaftlichen Wert die Erforschung des flachen Meeresbodens hat und was bislang nicht möglich war. Wir hörten Töne. Das ist vor allem für Radio, Fernsehen und Internet anschaulich und wird gern genommen. Die Töne könnten mehr am Anfang schon einmal eingespielt werden. Sie wären als Einstieg gut geeignet. Für den Einstieg wählte er immerhin anschauliche Beispiele, die durch Bilder aber noch visuell verstärkt worden wären. Gute Idee war der Tennisball, je anschaulicher desto besser.
Mischa Schönke hat die Mehrheit von uns am meisten überzeugt. Sie anderen Vortragenden waren ebenfalls gut, und deshalb erhält jeder seine verdiente Urkunde.

Was so ein Wettbewerb mit Journalisten zusätzlich bringt, zeigt mein Kollege Joachim Mangler. Er schrieb als dpa-Redakteur eine ausführliche Agenturmeldung über den Sieger des Wettbewerbs „Rostock's Eleven“ und verbreitet sie in wenigen Minuten über die Deutsche Presseagentur deutschlandweit.

 


Ankündigung

2017 wird Rostock's Eleven vom Mittwochabend, 7. Juni, bis Freitagmittag, 9. Juni, stattfinden.
Um den Workshop-Charakter zu erhalten, ist die Teilnehmerzahl auf elf Journalisten und elf Wissenschaftler begrenzt. Deshalb wird Journalisten eine Anmeldung bis spätestens 30. April 2017 empfohlen.
Die Unterbringung erfolgt in einem Hotel.  Auf Wunsch kann ein Reisekostenzuschuss gewährt werden.
Für Rückfragen stehen wir Ihnen jederzeit telefonisch unter 0381-498 56 90 oder per E-Mail an denken@rostock365.de zur Verfügung.

  Anmeldebogen 2017
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